Menü

Entscheidungshilfe Kollegiale Reflexion

Was bietet die Kollegiale Reflexion?

Verarbeiten von schwierigen Situationen und Prozessen des Schulalltags durch Mitteilung und Reflexion (von den Kompetenzen der anderen profitieren). Hilfe, um destruktivem Verhalten konstruktiv begegnen zu können Feedback zu Verhaltensmustern zum Beispiel in Konflikten (Gleichwürdigkeit erleben). Beleuchten, was erreichte Veränderungen und gelungene Prozesse kennzeichnet. Diese Punkte zusammen genommen unterstützen eine kontinuierliche berufliche und persönliche Weiterentwicklung.

Was müssen die Teilnehmenden mitbringen und beitragen?

In den Kleingruppen können Sie eine Gesprächskultur aufbauen, die Ihnen die Möglichkeit gibt, Ihre Beziehungen zu den Menschen, mit denen Sie arbeiten und leben, zu verbessern. Wichtig ist, dass hier über kein Problem aus dem Privatleben der Teilnehmenden gesprochen wird, sehr wohl aber über den Einfluss privater Verhältnisse auf die Arbeitsfähigkeit.

Die drei Phasen des Gespräches

Bei jedem Treffen moderiert ein Gruppenmitglied den Verlauf. Die Gruppe sammelt die Themen, die besprochen werden können, wählt aus und legt die Reihenfolge fest. Das Gespräch über ein Problem, das eine oder einer aus der Gruppe vorlegt, ist in 3 Phasen gegliedert. Das Prinzip ist einfach, aber die Umsetzung braucht Übung und verbessert sich durch die gemeinsamen Erfahrungen der Teilnehmenden.

Die erste „statische“ Phase dient der Präsentation des Problems. Im zweiten „reflektierenden“ Teil entwickeln die Gesprächspartner oder die Gruppe Verständnismöglichkeiten und Perspektiven auf dem Hintergrund der Informationen, die sie bekommen haben. Welche Überlegungen hat der Betreffende selbst angestellt? Wo liegt echter Zweifel? Es ist immer wieder sicherzustellen, dass über das „richtige“ Problem gesprochen wird. Stellen Sie sich vor, der Erzähler des Problems spielt ein Kartenspiel. Er zeigt der Gruppe sein Blatt, das er auf der Hand hat, und die Gruppe überlegt zusammen mit ihm, was er mit diesen Karten für Möglichkeiten hat. Es sind die gleichen Karten, über die sie sprechen, aber jeder entwickelt dazu eigene Ideen.

Die dritte Phase ist die „handlungsorientierte“. Wenn die Erzählerin/der Erzähler des Problems noch Bedarf an Ratschlägen oder Beratung hat, konzentriert sich die Gruppe in dieser Phase darauf, Handlungsmöglichkeiten zu überlegen. Meistens tauchen in diesem Gespräch einige „Wenn und Aber“ auf. Das ist fast immer ein Zeichen dafür, dass noch mehr Klärung in den ersten beiden Phasen nötig ist.

Es ist empfehlenswert, dass sich die Erzählerin/der Erzähler eines Problems einen Gesprächspartner sucht, auf den sie/er sich konzentriert und der ihr/ihm unterstützende und zur Klärung hilfreiche Fragen stellt. Die Gruppe ist Zuhörer und ergänzt, wenn der Gesprächspartner seinen Teil beendet hat. Nach diesem Muster durchlaufen die Beiden die drei Phasen. Die Einhaltung dieser klaren Struktur gewährleistet eine hohe Intensität der Treffen und grenzt sie von Therapie- oder Selbsterfahrungsgruppen ab. „Ich hätte nicht erwartet, dass das Gespräch eine so nachhaltige Wirkung hat.“
„Ich bin ganz schnell mit Lösungen bei der Hand, die der andere gar nicht umsetzen kann.“
„Ohne die Hilfe der Begleitung wäre es mir nicht gelungen, keine Ratschläge zu geben.“
„Das ist es, was auch die Schüler mehr von mir bräuchten.“
Das sind Äußerungen einer Lehrergruppe, die mit mir den Ablauf ausprobiert hat.

Was ist das Neue daran?

Das Neue dieser Herangehensweise wird für Sie sein, dass Sie nicht wie gewohnt über einzelne Schülerinnen oder Schüler und über Eltern sprechen, sondern dass es um Ihre Beziehungen zu den Kindern, Jugendlichen und deren Eltern geht. Für Sie gibt es, wie ich annehme, kaum Zeit und Raum, sich darüber auszutauschen, wie sicher oder unsicher, wie passend oder unpassend Sie sich im Kontakt mit den Menschen fühlen, mit denen Sie arbeiten.

Ergebnisse der Gehirnforschung und Erkenntnisse aus der pädagogischen Praxis zeigen, dass Kinder und auch Jugendliche von ihrer Entwicklung her nicht dazu in der Lage sind, für die gute Qualität ihres Kontaktes zu Erwachsenen zu sorgen. Diese Realität sorgt bei Eltern und Pädagogen für Irritation. Sie als Lehrerin und Lehrer sind für die Qualität der Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern verantwortlich. Kinder brauchen Ihr Vorbild für gelungene Beziehungen. Bisher wurde die Verantwortung jedoch überwiegend den Kindern zugewiesen, wie die folgenden Äußerungen beispielhaft verdeutlichen: „Wenn du so weiter machst, dann muss ich dich vor die Tür schicken“
„Du hast es dir selbst zu zuschreiben, dass du nun mehr Hausaufgaben machen musst“
„Du zwingst mich, Deine Eltern anzurufen“
„Es liegt an Dir, wie ich mich Dir gegenüber verhalte“
„Die Strafe, Note, Behandlung etc. hast du dir verdient.“

Verantwortungsübernahme drücken Erwachsene aus, wenn sie sich wie folgt äußern: „Ich weiß gerade nicht weiter, ich brauche einen Moment Bedenkzeit.“
„Für mich ist es wichtig, dass du deine Hausaufgaben machst. Ich will wissen, wie du darüber denkst.“
„Ich weiß nicht, wie ich mit dir reden kann. Gibt es einen Lehrer, von dem du glaubst, dass er uns weiterhelfen kann?“

Sie haben immer wieder die Situation, dass ein Kind so stört, dass Sie Ihren Unterricht nicht fortsetzen können. In der Regel wird das Kind rausgeschickt oder muss zur Rektorin. Eine Veränderung wäre, wenn Sie zusammen mit dem Kind zur Schulleitung gingen und sagten:„Ich kann gerade mit diesem Kind nicht zusammenarbeiten, ich brauche Ihren Rat.“

Ein wesentliches Merkmal des strukturierten kollegialen Austauschs ist der Gedanken anregende und inspirierende Verlauf des Gesprächs. Sie sprechen über die Schwierigkeiten, die Sie in Ihren Beziehungen bei der Arbeit erleben und Sie müssen keine Antworten, Lösungen oder Schlussfolgerung für die Probleme finden. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach darauf ausgerichtet, lösungs- und produktorientiert zu arbeiten. Das „einfach nur darüber reden“ wird Ihnen Zusammenhänge bewusst machen und zu vielleicht neuen Lösungen verhelfen.

Ich bin Rhythmikerin, Therapeutin für „Funktionelle Entspannung“ und Familienberaterin. Ich arbeite seit 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen mit den Themenschwerpunkten Selbstwahrnehmung, Kommunikation und Beziehung. Auf diesem Hintergrund betrachte ich die Arbeitsstruktur in Schulen und führe immer wieder Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen.

Möglicherweise sind Ihnen einige der folgenden Gedanken vertraut: „Als ich letztens die heftige Auseinandersetzung mit einem Vater hatte, dauerte es zwei Wochen bis ich den Vorfall nicht mehr ständig im Kopf hatte.“
„Ich arbeite gern in meinem Beruf, aber in letzter Zeit merke ich, dass ich den Spaß verliere.“
„Wenn ich gegenüber einem Schüler oder einer Schülerin die Nerven verloren habe, werfe ich mir das tagelang vor.“
„Vor Stunden in bestimmten Klassen ist mir häufig mulmig.“
„Ich hab mir eine dicke Haut zugelegt, ich lass nichts mehr so dicht an mich ran.“
„Auf manche Schüler oder Schülerinnen reagiere ich schnell gereizt, ich weiß eigentlich nicht warum.“
„Meine Familie kriegt ziemlich deutlich mit, wie gerade die Stimmung in der Schule ist.“

Wie lange Ärger, heftige Auseinandersetzungen, unangenehme Entscheidungen, schwierige Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen und deren Eltern anhalten und nachwirken, wissen Sie sehr gut. Sie erleben täglich Situationen, die Sie persönlich betreffen und auch betroffen machen.

Gesellschaftliche Anerkennung?

An Sie werden hohe Anforderungen gestellt, Veränderungen bekommen Sie meist von oben verordnet und je nach dem, von wo der politische Wind gerade weht, wird Ihr Berufstand hoch gelobt oder Sie müssen als Prügelknaben herhalten. Die Wertschätzung, Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung, die Ihnen auf Grund Ihrer wichtigen Funktion im Leben unsere Kinder und Jugendlichen zukommen sollte, erhalten sie nicht.

Wurden Sie ausreichend für Ihre Arbeit vorbereitet?

Ihre Lehrerausbildung bereitete Sie auf das Unterrichten vor. Den zwischenmenschlichen Prozessen, die Ihren Alltag prägen, wurde nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zudem hat sich die pädagogische Landschaft in den letzten Jahren stark verändert. Sie stehen heute vor Kindern oder Jugendlichen, die andere Forderungen an Sie stellen, als Sie es wahrscheinlich aus Ihrer Kindheit und Jugend kennen. Und vermutlich müssen Sie überwiegend alleine damit fertig werden. Sie sollen sich um die persönliche und soziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler kümmern, Elterngespräche führen und Elternabende gestalten, ohne dass Ihre Ausbildung Ihnen das Handwerkzeug dafür mitgegeben hat und ohne kontinuierliche Begleitung, die Ihre persönliche Entwicklung unterstützt.

Druck und Stress bleiben nicht ohne Wirkung!

Auf anhaltende Überlastung, Überforderung und mangelnde Wertschätzung reagieren Menschen auf vielfältige Weise. Häufige Signale sind:

Vielleicht kennen Sie das eine oder andere Symptom.

Welche Unterstützung brauchen Sie persönlich?

Über die schwierige Situation und die permanente Überlastung Ihres Berufsstandes wurde viel geschrieben. Dabei wurde deutlich, dass Stundenreduzierung, kleinere Klassen, Abbau der administrativen Aufgaben nur einige der Forderungen sind, für die sich Lehrerinnen und Lehrer berechtigterweise immer wieder einsetzen.

Weniger Stunden und kleinere Klassen kann Ihnen auch die Kollegiale Reflexion nicht verschaffen. Aber sie kann dazu beitragen, dass Sie mehr Rückhalt in Ihrer Arbeit bekommen.

Die folgenden Fragen sind Anregungen für Sie, über Ihre eigene Situation nachzudenken und zu überlegen, mit welchen Kolleginnen und Kollegen Sie sich darüber austauschen wollten.

Ein umfassendes Verständnis von Erziehung und Sozialisation - Jesper Juul Nach oben